Veröffentlicht: 21.10.2026 · Fachlich geprüft: 21.10.2026 · Autor: Ben Kübrich
Grundlage dieser Antwort: Die Aussagen zu Pflichten des Arbeitgebers stützen sich auf belegte Primärquellen, nämlich den Wortlaut des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG), der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV), der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) und des Arbeitssicherheitsgesetzes (ASiG) auf gesetze-im-internet.de. Die Hinweise zum Umgang einer KI mit Fakten folgen allgemeiner Fachmethodik aus der Anleitung des KI-Anbieters Anthropic (alle am 21.10.2026 abgerufen). Die „LIBUCO®-Vor-Ort-Regel“ ist eine eigene LIBUCO®-Methode, keine Norm. Das Beispiel ist konstruiert. Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung.
Direkte Antwort
Eine KI kann eine Gefährdungsbeurteilung vorbereiten, aber nicht selbst erstellen. Die KI kann Ihre Stichpunkte nach den Gefährdungsarten aus § 5 Arbeitsschutzgesetz ordnen, Fragen für den Rundgang vorschlagen und Maßnahmen verständlich formulieren. Welche Gefährdungen an Ihren Arbeitsplätzen tatsächlich bestehen, sieht sie nicht; das müssen Sie vor Ort feststellen und bewerten. Wichtigste Einschränkung: Die Arbeitsstättenverordnung verlangt eine fachkundige Beurteilung; fehlt Ihnen die Fachkunde, müssen Sie sich beraten lassen. Ein KI-Entwurf ersetzt diese Beratung nicht.
Belege für diese Antwort
- Der Arbeitgeber hat durch eine Beurteilung der Gefährdungen zu ermitteln, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind; Gefährdungen können sich unter anderem aus Arbeitsplatz, Arbeitsmitteln, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit, unzureichender Unterweisung und psychischen Belastungen ergeben. → § 5 ArbSchG, gesetze-im-internet.de → geprüft am 21.10.2026
- Der Arbeitgeber muss über Unterlagen verfügen, aus denen das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung, die festgelegten Maßnahmen und das Ergebnis ihrer Überprüfung ersichtlich sind. → § 6 Abs. 1 ArbSchG, gesetze-im-internet.de → geprüft am 21.10.2026
- Der Arbeitgeber hat sicherzustellen, dass die Gefährdungsbeurteilung fachkundig durchgeführt wird; verfügt er nicht selbst über die Kenntnisse, hat er sich fachkundig beraten zu lassen. Die Beurteilung ist vor Aufnahme der Tätigkeiten zu dokumentieren. → § 3 Abs. 2 und 3 ArbStättV, gesetze-im-internet.de → geprüft am 21.10.2026
- Anthropic empfiehlt für sein Modell Claude, ihm ausdrücklich zu erlauben, Unsicherheit zuzugeben, und seine Aussagen mit Zitaten aus den gelieferten Unterlagen belegen zu lassen. → Anthropic, „Reduce hallucinations“ → geprüft am 21.10.2026
Für wen gilt das? Und für wen nicht?
Die Antwort richtet sich an Inhaberinnen und Inhaber kleiner Betriebe mit Beschäftigten, etwa Werkstätten, Praxen, Läden oder Büros in Gilching, im Landkreis Starnberg oder in Fürstenfeldbruck, die ihre Gefährdungsbeurteilung zum ersten Mal schriftlich festhalten oder eine ältere Fassung überarbeiten wollen. Sie gilt nicht als Ersatz für die Beratung durch Ihre Fachkraft für Arbeitssicherheit oder Ihren Betriebsarzt und nicht für Fragen, welche Branchenvorschriften Ihrer Berufsgenossenschaft für Sie gelten. Für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen gelten zusätzliche Vorgaben (siehe unten); diesen Teil erarbeiten Sie fachkundig.
Was kann eine KI bei der Gefährdungsbeurteilung leisten?
Die KI kann Ordnung schaffen. Aus Ihren Notizen zu Räumen, Maschinen, Abläufen und Arbeitszeiten macht sie eine Tabelle, gegliedert nach den Gefährdungsarten, die § 5 Abs. 3 ArbSchG aufzählt. Sie kann zu jeder Zeile Fragen für den Rundgang vorschlagen, etwa „Wo wird gehoben, und wie schwer?“ oder „Wer arbeitet allein?“. Und sie kann festgelegte Maßnahmen in klare Sätze bringen, die das Team versteht. Wie Sie daraus Arbeitsanweisungen machen, beschreibt der Beitrag Wie erstelle ich mit KI Arbeitsanweisungen für meinen Betrieb?
Was sie nicht kann: Ihre Arbeitsplätze sehen, Lärm oder Staub messen, den Zustand einer Maschine beurteilen oder wissen, wie belastet Ihr Team ist. Fehlt ihr eine Angabe, kann sie eine plausibel klingende Lücke füllen. Anthropic rät für sein Modell Claude deshalb, der KI zu erlauben, „Ich weiß es nicht“ zu sagen, und Aussagen an die gelieferten Unterlagen zu binden (Anthropic, Reduce hallucinations). Was in Ihren Stichpunkten fehlt, kann auch der beste Entwurf nicht enthalten. Deshalb ist der Rundgang Pflicht.
Eine KI kann die Gefährdungsbeurteilung ordnen und formulieren, aber nicht ersetzen: Feststellen, bewerten und verantworten muss der Arbeitgeber, fachkundig oder fachkundig beraten.
Die LIBUCO®-Vor-Ort-Regel: keine Zeile ohne Rundgang
Als eigene LIBUCO®-Methode empfehlen wir, jede Zeile des KI-Entwurfs erst dann zu übernehmen, wenn drei Spalten von Ihnen selbst ausgefüllt sind:
- Vor Ort gesehen: Wer hat die Stelle wann angeschaut? Eine Zeile, die niemand gesehen hat, bleibt ein Vorschlag.
- Bewertet von: Wer hat entschieden, ob hier eine Gefährdung besteht und wie ernst sie ist? Das ist eine Person, nicht die KI.
- Maßnahme, zuständig, bis wann: Was wird getan, wer kümmert sich, und wann wird geprüft, ob es wirkt? Diese Prüfung verlangt das Gesetz ausdrücklich (§ 3 Abs. 1 ArbSchG), und ihr Ergebnis gehört in die Unterlagen (§ 6 Abs. 1 ArbSchG).
Die Regel ist bewusst einfach. Sie trennt sichtbar, was die KI vorgeschlagen hat und was Sie festgestellt haben.
Wie gehen Sie Schritt für Schritt vor?
- Bereiche und Tätigkeiten auflisten: Räume, Arbeitsplätze, Maschinen und Geräte, typische Abläufe, Arbeitszeiten. Gleichartige Arbeitsplätze dürfen Sie zusammenfassen (§ 5 Abs. 2 ArbSchG).
- Entwurf ordnen lassen: mit dem Muster-Prompt unten, ohne Namen und ohne Gesundheitsangaben einzelner Personen.
- Rundgang machen: mit dem Entwurf in der Hand, am besten zusammen mit den Beschäftigten, die dort arbeiten.
- Fachkundig bewerten: selbst, wenn Sie die Kenntnisse haben, sonst mit Beratung (§ 3 Abs. 2 ArbStättV). Ihre Fachkraft für Arbeitssicherheit und Ihr Betriebsarzt haben nach dem Gesetz die Aufgabe, Sie bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen zu beraten (§ 6 ASiG, § 3 ASiG).
- Maßnahmen festlegen und dokumentieren: die drei Spalten der Vor-Ort-Regel ausfüllen und das Ergebnis ablegen.
- Wirksamkeit prüfen und anpassen: zum festgelegten Termin und wenn sich Abläufe, Maschinen oder Räume so ändern, dass eine Anpassung erforderlich ist (§ 3 Abs. 1 ArbSchG).
Ein Muster-Prompt, ohne Namen und ohne Gesundheitsdaten:
„Ordnen Sie die folgenden Stichpunkte aus einem kleinen Betrieb in eine Tabelle nach den Gefährdungsarten aus § 5 Abs. 3 Arbeitsschutzgesetz. Fügen Sie die Spalten ‚Vor Ort gesehen‘, ‚Bewertet von‘ und ‚Maßnahme, zuständig, bis wann‘ hinzu und lassen Sie diese leer. Schlagen Sie zu jeder Zeile höchstens zwei Fragen für den Rundgang vor. Erfinden Sie keine Gefährdungen, Messwerte oder Vorschriften. Wenn eine Angabe fehlt, schreiben Sie ‚fehlt – vor Ort klären‘. [Stichpunkte]“
Wie sieht das in einer Schreinerei aus?
Konstruiertes Beispiel, kein realer Kundenfall: Eine Schreinerei mit fünf Leuten will ihre Gefährdungsbeurteilung überarbeiten, weil eine neue Kantenleimmaschine dazugekommen ist. Der Inhaber schreibt Stichpunkte zu Werkstatt, Maschinen, Lager, Lieferwagen und Büro auf. Die KI ordnet sie in eine Tabelle und markiert vier Stellen mit „fehlt – vor Ort klären“, darunter die Absaugung an der neuen Maschine und das Heben schwerer Platten im Lager. Beim Rundgang mit dem Gesellen zeigt sich eine Stelle, die im Entwurf gar nicht stand: der Weg vom Lager zur Säge führt über eine Stufe. Holzstaub ist ein Gefahrstoff; diesen Teil der Beurteilung erarbeitet der Inhaber nach § 6 GefStoffV mit seiner Fachkraft für Arbeitssicherheit, die KI formuliert nur. Offen bleibt in diesem Beispiel, ob die festgelegten Maßnahmen wirken; das zeigt erst die vereinbarte Überprüfung.
Grenzen und typische Fehler
- Der KI-Entwurf wird unterschrieben und abgelegt, ohne dass jemand die Arbeitsplätze angeschaut hat.
- Gefährdungen, die nicht in den Stichpunkten standen, fehlen auch in der Tabelle, denn der Muster-Prompt untersagt der KI das Erfinden. Nur der Rundgang schließt diese Lücke.
- Die KI nennt Grenzwerte, Normen oder Vorschriften, die so nicht existieren oder nicht für Ihren Betrieb gelten.
- Psychische Belastungen werden weggelassen, obwohl § 5 Abs. 3 Nr. 6 ArbSchG sie ausdrücklich nennt.
- Namen, Krankmeldungen oder Gesundheitsangaben einzelner Beschäftigter landen im KI-Chat; welche Angaben nicht in einen KI-Chat gehören, beschreibt der Beitrag Welche Daten darf ich in ChatGPT eingeben – und welche besser nicht?
- Maßnahmen haben keine zuständige Person und keinen Prüftermin.
- Die Beurteilung wird nach einer Änderung im Betrieb nicht angepasst.
Wann diese Empfehlung nicht passt
- Wenn in Ihrem Betrieb mit Gefahrstoffen gearbeitet wird oder Gefahrstoffe entstehen können, dann gelten zusätzlich die Vorgaben der Gefahrstoffverordnung, etwa zum Sicherheitsdatenblatt, zur Exposition und zur Möglichkeit, Stoffe zu ersetzen (§ 6 GefStoffV); diesen Teil erarbeiten Sie mit fachkundiger Beratung, die KI hilft höchstens beim Formulieren.
- Wenn Sie bereits eine Branchenvorlage Ihrer Berufsgenossenschaft oder eine Arbeitsschutz-Software nutzen, dann arbeiten Sie dort weiter; ein zusätzlicher KI-Entwurf schafft dann eher zwei Fassungen als Klarheit.
- Wenn Sie die Beurteilung vollständig an einen externen sicherheitstechnischen Dienst vergeben haben, dann nutzen Sie die KI höchstens, um das Ergebnis für Ihr Team verständlich zusammenzufassen.
Checkliste: Bevor Sie die Gefährdungsbeurteilung ablegen
- [ ] Alle Bereiche, Arbeitsplätze und Tätigkeiten aufgelistet
- [ ] Keine Namen und keine Gesundheitsangaben im KI-Chat
- [ ] KI ausdrücklich erlaubt, Lücken mit „fehlt“ zu markieren
- [ ] Jede Zeile beim Rundgang vor Ort angeschaut
- [ ] Gefährdungen ergänzt, die erst beim Rundgang aufgefallen sind
- [ ] Psychische Belastungen berücksichtigt
- [ ] Bewertung fachkundig oder mit fachkundiger Beratung
- [ ] Zu jeder Maßnahme eine zuständige Person und ein Prüftermin
- [ ] Ergebnis, Maßnahmen und Überprüfung schriftlich abgelegt
- [ ] Anlass für die nächste Überarbeitung notiert
Aus der Gefährdungsbeurteilung folgt die Unterweisung neuer Beschäftigter; wie Sie diese in einen Einarbeitungsplan einbauen, beschreibt der Beitrag Kann ich mit KI einen Einarbeitungsplan für neue Mitarbeitende erstellen?
Quellen
- § 3 ArbSchG – Grundpflichten des Arbeitgebers, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 21.10.2026
- § 5 ArbSchG – Beurteilung der Arbeitsbedingungen, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 21.10.2026
- § 6 ArbSchG – Dokumentation, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 21.10.2026
- § 3 ArbStättV – Gefährdungsbeurteilung, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 21.10.2026
- § 6 GefStoffV – Informationsermittlung und Gefährdungsbeurteilung, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 21.10.2026
- § 3 ASiG – Aufgaben der Betriebsärzte, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 21.10.2026
- § 6 ASiG – Aufgaben der Fachkräfte für Arbeitssicherheit, gesetze-im-internet.de, abgerufen am 21.10.2026
- Anthropic, „Reduce hallucinations“, Claude Platform Docs, abgerufen am 21.10.2026
Über den Autor
Ben Kübrich berät mit LIBUCO® in Gilching inhabergeführte kleine und mittlere Betriebe aus dem Landkreis Starnberg, Fürstenfeldbruck und dem Münchner Umland beim Einsatz von KI im Arbeitsalltag. Sein Schwerpunkt liegt auf klaren Abläufen, nachvollziehbaren Prüfschritten und einem DSGVO-bewussten Umgang mit Daten. Er ist weder Rechtsanwalt noch Fachkraft für Arbeitssicherheit.
Nächster Schritt
Wenn Sie klären möchten, an welcher Stelle Ihrer Arbeitsschutz-Unterlagen eine KI Ihnen Schreibarbeit abnehmen kann und wo nicht, bringen Sie Ihre Stichpunkte ohne Namen in ein kostenloses Kennenlerngespräch mit: 30 Minuten, per Video oder Telefon, unverbindlich.