Veröffentlicht: 09.10.2026 · Fachlich geprüft: 09.10.2026 · Autor: Ben Kübrich
Grundlage dieser Antwort: Die Aussagen zur Ursache erfundener Angaben stützen sich auf die Forschungsarbeit „Why Language Models Hallucinate“ (Kalai, Nachum, Vempala, Zhang, arXiv, September 2025). Die Gegenmaßnahmen stützen sich auf belegte Anbieterangaben: die Anleitung „Reduce hallucinations“ in der Entwicklerdokumentation von Anthropic und die NotebookLM-Hilfe von Google zum Chat in Gemini Notebook (alle am 07.10.2026 abgerufen). Die „Quelle-Lücke-Zitat-Regel“ ist eine eigene LIBUCO®-Methode aus der Beratung, keine erhobene Statistik. Das Praxisbeispiel ist konstruiert.
Direkte Antwort
Ganz verhindern lässt sich nicht, dass eine KI fehlende Informationen erfindet, aber Sie können es deutlich erschweren. Drei Maßnahmen wirken zusammen: Geben Sie der KI die Unterlagen, aus denen sie antworten soll, statt sie aus ihrem allgemeinen Wissen schöpfen zu lassen. Erlauben Sie ihr ausdrücklich, „Das steht nicht in den Unterlagen“ zu antworten. Und verlangen Sie zu jeder Aussage ein wörtliches Zitat aus der Quelle, das Sie nachprüfen können. Wichtigste Einschränkung: Auch mit allen drei Maßnahmen bleibt eine Prüfung durch einen Menschen nötig, sobald eine Angabe Geld, Recht oder Sicherheit berührt.
Belege für diese Antwort
- Sprachmodelle raten bei Unsicherheit oft, statt Unsicherheit zuzugeben, weil Training und Bewertung das Raten belohnen. → Kalai u. a., „Why Language Models Hallucinate“, arXiv:2509.04664 → geprüft am 07.10.2026
- Anthropic empfiehlt, dem Modell ausdrücklich zu erlauben, „Ich weiß es nicht“ zu sagen, bei langen Dokumenten (mehr als 20.000 Token) zuerst wörtliche Zitate herausziehen zu lassen und jede Aussage mit einem Zitat zu belegen; Aussagen ohne Beleg sollen zurückgenommen werden. → Anthropic, Claude Platform Docs, „Reduce hallucinations“ → geprüft am 07.10.2026
- Dieselbe Anleitung hält fest, dass diese Techniken erfundene Angaben verringern, aber nicht vollständig beseitigen, und dass kritische Informationen immer geprüft werden sollten. → Anthropic, „Reduce hallucinations“ → geprüft am 07.10.2026
- Gemini Notebook (ehemals NotebookLM) greift für Chatantworten nur auf die hochgeladenen Quellen zurück und belegt Antworten mit Zitaten aus dem Wortlaut dieser Quellen, damit Nutzer die Richtigkeit prüfen können. → NotebookLM-Hilfe, „Chat in Gemini Notebook verwenden“ → geprüft am 07.10.2026
Für wen gilt das? Und für wen nicht?
Die Antwort richtet sich an Inhaber und Mitarbeitende kleiner und mittlerer Betriebe, die KI-Assistenten wie ChatGPT, Gemini, Claude oder Gemini Notebook im Alltag nutzen – für Zusammenfassungen, Antworten auf Kundenfragen, Auskünfte aus Handbüchern oder Entwürfe. Sie gilt nicht für selbst entwickelte KI-Systeme mit eigener Programmierung; dort gibt es weitere technische Stellschrauben. Sie gilt auch nicht als Freibrief für Entscheidungen in Recht, Medizin, Statik oder Steuern: Dort bleibt die KI-Antwort Vorarbeit, die eine Fachperson verantwortet.
Warum erfindet eine KI überhaupt Angaben?
Sprachmodelle raten bei Unsicherheit, weil Training und gängige Bewertungsverfahren Raten belohnen; die Autoren der Arbeit „Why Language Models Hallucinate“ vergleichen das mit Schülern, die bei schweren Prüfungsfragen raten, statt eine Lücke zuzugeben (arXiv:2509.04664). Eine flüssig formulierte Antwort ist deshalb kein Hinweis auf eine richtige Antwort.
Wie Sie eine fertige Antwort nachträglich prüfen, steht im Beitrag Wie erkenne ich, ob eine KI-Antwort stimmt? Hier geht es um den Schritt davor: die Frage so zu stellen, dass Raten gar nicht erst nötig wird.
Schritt 1: Geben Sie der KI die Unterlagen mit
Die grundlegende Maßnahme ist, die KI auf Ihre eigenen Unterlagen festzulegen. Fragen Sie nicht ins Blaue „Welche Leistungen sind in unserem Wartungsvertrag enthalten?“, sondern laden Sie den Wartungsvertrag hoch und fragen Sie, was darin steht. Anthropic nennt das ausdrücklich als Technik: das Modell anweisen, nur Informationen aus den bereitgestellten Dokumenten zu verwenden und nicht sein allgemeines Wissen (Anthropic, „Reduce hallucinations“).
Manche Werkzeuge sind weitgehend so gebaut. Für Chatantworten greift Gemini Notebook laut Google-Hilfe nur auf die Quellen zurück, die Sie hochgeladen haben, und belegt seine Antworten mit Zitaten aus deren Wortlaut (NotebookLM-Hilfe); agentische Zusatzfunktionen wie die Websuche gehen laut derselben Hilfeseite über die eigenen Quellen hinaus. Bei allgemeinen Chat-Assistenten müssen Sie diese Beschränkung selbst in die Anweisung schreiben. Wie Sie KI mit eigenen Firmendokumenten arbeiten lassen und welche Dokumente hineindürfen, steht im Beitrag Kann ich eine KI mit meinen eigenen Firmendokumenten arbeiten lassen?
Schritt 2: Erlauben Sie ausdrücklich eine Lücke
Schreiben Sie in jede Anweisung, was die KI tun soll, wenn die Information fehlt. Anthropic empfiehlt, dem Modell ausdrücklich zu erlauben, Unsicherheit zuzugeben, und bezeichnet das als einfache Technik gegen falsche Angaben (Anthropic, „Reduce hallucinations“). Ein Satz genügt, zum Beispiel:
„Beantworten Sie die Frage nur aus den beigefügten Unterlagen. Wenn die Antwort dort nicht steht, schreiben Sie wörtlich: Das steht nicht in den Unterlagen.“
Diese feste Formulierung hat einen praktischen Vorteil: Sie erkennen eine Lücke sofort, statt sie aus einer ausweichenden Antwort herauslesen zu müssen. Eine Lücke ist dann kein Fehler der KI, sondern ein Hinweis auf eine Lücke in Ihren Unterlagen.
Schritt 3: Verlangen Sie zu jeder Aussage ein Zitat
Lassen Sie die KI jede Aussage mit einer wörtlichen Stelle aus der Quelle belegen. Anthropic beschreibt dafür zwei Techniken. Bei langen Dokumenten (Anthropic nennt mehr als 20.000 Token) zieht das Modell zuerst die passenden Zitate heraus und antwortet erst dann. Bei der zweiten Technik sucht es nach dem Entwurf zu jeder Aussage ein stützendes Zitat und nimmt Aussagen ohne Zitat zurück (Anthropic, „Reduce hallucinations“). Eine Anweisung dafür kann so lauten:
„Nennen Sie zu jeder Aussage die wörtliche Stelle aus den Unterlagen. Streichen Sie jede Aussage, für die Sie keine Stelle finden, und markieren Sie die gestrichene Stelle mit [ ].“
Das Zitat macht die Antwort prüfbar: Sie müssen nicht das ganze Dokument lesen, sondern nur nachsehen, ob die zitierte Stelle existiert und das sagt, was die KI daraus macht.
Eine KI erfindet seltener, wenn sie nur aus vorgegebenen Unterlagen antworten darf, eine Lücke ausdrücklich zugeben darf und jede Aussage mit einem wörtlichen Zitat belegen muss – ganz ausschließen lässt sich Erfinden damit nicht.
Die LIBUCO®-Quelle-Lücke-Zitat-Regel
In der Beratung fassen wir die drei Schritte zu einer Regel zusammen, die vor jeder KI-Anweisung mit Faktenbezug geprüft wird. Sie ist eine eigene Methode von LIBUCO®, keine Norm und keine Statistik:
- Quelle: Steht in der Anweisung, aus welchen Unterlagen die KI antworten darf – und dass sie nichts anderes verwenden soll?
- Lücke: Steht in der Anweisung ein fester Satz für den Fall, dass die Information fehlt?
- Zitat: Verlangt die Anweisung zu jeder Aussage eine wörtliche Stelle, die ein Mensch nachschlagen kann?
Fehlt einer der drei Punkte, ergänzen Sie ihn, bevor Sie das Ergebnis weitergeben. Fehlt die Quelle ganz – etwa bei einer Frage zu aktuellen Preisen oder Gesetzesständen –, ist die KI-Antwort höchstens ein Hinweis, wo Sie selbst nachsehen sollten.
Ein konstruiertes Beispiel aus dem Handwerk
Das folgende Beispiel ist konstruiert und dient nur der Veranschaulichung. Ein Heizungsbaubetrieb möchte, dass eine Mitarbeiterin im Büro Kundenfragen zu Wartungsintervallen schneller beantworten kann. Zuerst fragt sie einen Chat-Assistenten ohne Unterlagen nach dem Wartungsintervall eines bestimmten Gerätetyps und erhält eine sicher klingende Zahl ohne Herkunft. Im zweiten Anlauf lädt sie die Herstelleranleitung hoch, schreibt die Lücken-Anweisung und verlangt Zitate. Die Antwort nennt nun die Stelle aus der Anleitung – und bei einer Zusatzfrage zum Austausch eines Bauteils antwortet die KI „Das steht nicht in den Unterlagen“. Genau diese Frage geht dann an den Meister. Offen bleibt in dem Beispiel, ob die hochgeladene Anleitung die aktuelle Fassung ist; das kann keine KI prüfen.
Grenzen und typische Fehler
- Die drei Maßnahmen verringern erfundene Angaben, sie beseitigen sie nicht; Anthropic weist selbst darauf hin (Quelle).
- Ein Zitat beweist nur, dass die Stelle in der Quelle steht – nicht, dass die Quelle stimmt oder aktuell ist.
- Auch Zitate können falsch wiedergegeben sein. Prüfen Sie bei wichtigen Angaben, ob die Stelle wörtlich so im Dokument steht.
- Veraltete oder widersprüchliche Unterlagen führen zu belegten, aber falschen Antworten.
- Die Lücken-Anweisung wirkt nur, wenn sie in jedem neuen Chat erneut gegeben wird oder fest in einer Vorlage, einem Projekt oder einer Notebook-Konfiguration steht.
- Bei Fragen zu Aktuellem – Preise, Gesetze, Fristen, Ansprechpartner – fehlt oft eine verlässliche Quelle; dann gehört die Frage an die zuständige Stelle, nicht an die KI.
- Wer zu viele Dokumente auf einmal hochlädt, erschwert die Prüfung, weil Zitate dann schwer zuzuordnen sind.
Wann diese Empfehlung nicht passt
- Wenn Sie die KI für kreative Entwürfe nutzen, etwa Werbetexte oder Ideen für einen Firmenausflug, dann ist die strenge Quellenbindung unnötig; prüfen Sie stattdessen nur die Tatsachenangaben im fertigen Text.
- Wenn keine schriftliche Grundlage existiert, weil das Wissen nur in den Köpfen Ihrer Mitarbeitenden steckt, dann schreiben Sie zuerst die wichtigsten Antworten auf, bevor Sie eine KI daraus antworten lassen.
- Wenn eine Antwort rechtliche, steuerliche oder sicherheitstechnische Folgen hat, dann dient die KI nur zum Vorsortieren; die Entscheidung trifft die zuständige Fachperson.
Checkliste: Bevor Sie eine KI-Antwort mit Fakten weitergeben
- [ ] Die KI hatte die passenden Unterlagen zur Verfügung.
- [ ] Die Anweisung verbietet ausdrücklich, Wissen außerhalb der Unterlagen zu verwenden.
- [ ] Die Anweisung enthält einen festen Satz für fehlende Informationen.
- [ ] Zu jeder Aussage gibt es ein wörtliches Zitat oder eine genaue Fundstelle.
- [ ] Mindestens die wichtigsten Zitate wurden im Originaldokument nachgeschlagen.
- [ ] Die Unterlagen sind die aktuelle Fassung.
- [ ] Gemeldete Lücken wurden an die zuständige Person weitergegeben.
- [ ] Angaben zu Geld, Recht oder Sicherheit hat ein Mensch freigegeben.
- [ ] Die bewährte Anweisung ist als Vorlage gespeichert, damit sie nicht jedes Mal neu geschrieben wird.
Quellen
- Adam Tauman Kalai, Ofir Nachum, Santosh S. Vempala, Edwin Zhang: „Why Language Models Hallucinate“, arXiv:2509.04664, eingereicht am 4. September 2025: https://arxiv.org/abs/2509.04664 – abgerufen am 07.10.2026
- Anthropic, Claude Platform Docs, „Reduce hallucinations“: https://platform.claude.com/docs/en/test-and-evaluate/strengthen-guardrails/reduce-hallucinations – abgerufen am 07.10.2026
- Google, NotebookLM-Hilfe, „Chat in Gemini Notebook verwenden“: https://support.google.com/notebooklm/answer/16179559?hl=de – abgerufen am 07.10.2026
Über den Autor
Ben Kübrich berät mit LIBUCO® in Gilching inhabergeführte kleine und mittlere Betriebe dazu, wo KI im Arbeitsalltag hilft und wo nicht. Der Schwerpunkt liegt auf Betrieben ohne eigene IT-Abteilung im Landkreis Starnberg, in Fürstenfeldbruck und im westlichen Münchner Umland. Ein wiederkehrendes Thema in seiner Arbeit ist, KI-Ergebnisse so aufzubauen, dass ein Mensch sie mit wenig Aufwand prüfen kann.
Nächster Schritt
Wenn in Ihrem Betrieb regelmäßig dieselben Fragen aus denselben Unterlagen beantwortet werden, lässt sich die Quelle-Lücke-Zitat-Regel an genau diesem Ablauf ausprobieren. Bringen Sie eine typische Kundenfrage und die Unterlage mit, aus der die Antwort kommen müsste; wir bauen gemeinsam eine Anweisung, die Sie danach selbst weiterverwenden können. Das kostenlose Kennenlerngespräch dauert 30 Minuten, findet per Video oder Telefon statt und ist unverbindlich.